Call for Papers

Im Jahr 1916 wurde an der Universität Leipzig von Karl Bücher das erste Institut für Zeitungskunde in Deutschland gegründet – in der Stadt, in der 1650 auch die erste Tageszeitung der Welt entstand. Die Zeitungskunde verbreitete sich bald auch an anderen deutschen Universitäten. Das Fach verstand sich schon früh als das, was die deutsche Kommunikationswissenschaft heute unzweifelhaft ist: eine moderne Integrationswissenschaft. Erich Everth, erster ordentlicher Professor für Zeitungskunde in Leipzig, zeichnete dieses weitsichtige Bild bereits in seiner Antrittsvorlesung 1926:

Neue Wissenschaften entstehen entweder, indem neue Stoffgebiete auftauchen oder neue Methoden auf schon bearbeitete Felder angewendet werden. Bei der Zeitungskunde liegt es so, dass ein besonderes Stoffgebiet das ist, dessen genaue Abgrenzbarkeit günstige Chancen für eine gründliche Behandlung bietet, dass sie aber keine Methode für sich allein hat, sondern dass eine ganze Reihe von Methoden verschiedener Wissenschaften nötig sind, um dieses Gebiet erschöpfend zu bearbeiten. So gibt es Geschichte der Presse, ein Presserecht, volkswirtschaftliche und statistische Untersuchungen des Zeitungswesens, man kann und muss aber den Komplex und Prozess, der die Presse heißt, auch mit psychologischen Methoden behandeln, und zwar unter individual-, sozial- und völkerpsychologischen Gesichtspunkten. Außerdem wird es eine Soziologie der Presse geben.

Aus dem Nukleus der Zeitungskunde entwickelte sich die heutige Kommunikationswissenschaft als für die Gesellschaft bedeutsames Fach, das sich laut Selbstverständnis der DGPuK mit den sozialen Bedingungen, Folgen und Bedeutungen von medialer, öffentlicher und interpersonaler Kommunikation befasst und sich als theoretisch und empirisch arbeitende, interdisziplinäre Sozialwissenschaft versteht. Es leistet Grundlagenforschung zur (Selbst-)Aufklärung der Gesellschaft, trägt zur Lösung von Problemen der Kommunikationspraxis durch angewandte Forschung bei und erbringt Ausbildungsleistungen für Medien- und Kommunikationsberufe.

Mit der quantitativen Expansion der Kommunikationswissenschaft seit den 1970er Jahren diffundierte das Fach gleichzeitig qualitativ hinsichtlich der Gegenstandsbereiche, Theorien und Methoden. Die Ausweitung von Kommunikationsphänomenen in unserer Informations- und Mediengesellschaft fordert die Kommunikationswissenschaft als integrative Querschnittswissenschaft stark heraus. Der dynamische Strukturwandel von Kommunikation und Medien wird u. a. vorangetrieben durch technologische Entwicklungen (z. B. Digitalisierung, Online-Plattformen, Infrastruktur für crossmediales und mobiles Publizieren und Rezipieren sowie alle einhergehende individuelle, personalisierte Medienproduktion und Mediennutzung; Social Media, technische Hybridisierung bisher traditionell getrennter Medien wie TV, Internet, Telefon und Computerapplikationen), soziale und gesellschaftliche Veränderungen (z. B. Bereitschaft zu Partizipation und Mitwirkung, virtuelle Nähe, Wechselspiel von Anonymität und Transparenz), soziodemographische Faktoren (z. B. alternde Bevölkerung) und ökonomische Kontexte (z. B. fortschreitende Differenzierung und Spezialisierung in der Medienbranche, neue Geschäftsmodelle für Medienunternehmen, wachsende Bedeutung von Kommunikation und Medien in gesellschaftlichen Organisationen und Unternehmen).

Vor diesem Hintergrund verfolgt die 61. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft im Jubiläumsjahr der Kommunikationswissenschaft zwei Ziele:

a) Präsentation aktueller Forschung
Die gegenwärtige kommunikationswissenschaftliche Forschung soll in ihrer gesamten Breite abge bildet werden. Für diese Einreichungen werden keinerlei thematische Vorgaben gesetzt. Sowohl theoretische als auch empirische Beiträge sind willkommen.

b) Präsentation von Fachentwicklung und -reflexion (spezifisches Tagungsthema)
Neben der Möglichkeit, aktuelle Forschung ohne eine thematische Einschränkung einzureichen, widmet sich ein spezifisches Tagungsthema der Fachentwicklung und -reflexion, um der Frage nachzugehen:

Was leistet die Kommunikationswissenschaft als Integrationsdisziplin ...

... in ihrem Kern?
Auch eine Integrationsdisziplin wie die Kommunikationswissenschaft hat einen Kern, der das Fach im Innersten zusammenhält. Angesichts der dynamischen Ausweitung der behandelten Phänomene, der herangezogenen Theorien und eingesetzten Methoden diffundieren die Ränder immer schneller. Es stellen sich daher beispielsweise die Fragen:

Welche Gegenstände und Fragestellungen markieren das Zentrum der Kommunikationswissenschaft, die fortwährend im Rahmen von Theorieentwicklung und Grundlagenforschung bearbeitet werden? Gibt es einen Kanon an Grundwissen? Was sind die fundamentalen Theorien jenseits der stetigen Adaption weiterer Ansätze aus Nachbardisziplinen? Was sind „die“ Methoden der Kommunikationswissenschaft und wie werden sie kultiviert?

... in ihrer Breite, mithilfe anderer und für andere Disziplinen?
Das Spektrum der Kommunikationswissenschaft wird seit Jahren stetig größer und komplexer. Sichtbare Zeichen sind etwa die Untergliederung der DGPuK in 16 Fachgruppen und drei Ad-hoc-Gruppen und eine große Diversifizierung der Artikel in den Fachzeitschriften. Längst ist das Fach von einem Einzelnen kaum mehr zu überschauen. Als Integrationsdisziplin inkorporiert die Kommunikationswissenschaft Teilbereiche anderer Fächer. Umgekehrt stellt sie transdisziplinär ihre Leistungen anderen Wissenschaften zur Verfügung. Daraus ergeben sich u. a. die Fragen:

Wie sieht das Spektrum der Kommunikationswissenschaft aus und was wird in der kompletten und komplexen Breite bis hin zu „exotischen“ Fragestellungen, Theorien und Methoden geleistet? Wo sind die Schnittmengen der Fach- und Ad-hoc-Gruppen? Was sind die Gründe für die Diffusion der Kommunikationswissenschaft? Welchen anderen Fächern kann die Kommunikationswissenschaft auf welche Weise nützlich sein? Aus welchen Disziplinen bedient sich die Kommunikationswissenschaft? Welche Fächer bringen eine sinnvolle Erweiterung für das Portfolio und die Leistungsfähigkeit der Kommunikationswissenschaft? Welche Fragestellungen, Theorien oder Methoden sind es, von denen die Kommunikationswissenschaft profitieren kann, ohne gleichzeitig ihr Profil zu verlieren?

... für die Gesellschaft, für die Medienpraxis und -ausbildung?
Die Kommunikationswissenschaft ist eng mit dem gesellschaftlichen System verbunden, für das sie Leistungen erbringt. So bedeuten 100 Jahre Kommunikationswissenschaft in Deutschland z. B. auch fünf politische Systeme. Zudem zeichnet die Kommunikationswissenschaft in vielen Bereichen eine angewandte Forschung und dadurch große Praxisnähe aus. Sie trägt elementar zur Ausbildung in der Medien- und Kommunikationsbranche bei. Ihren Boom hat die Kommunikationswissenschaft auch der sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach akademisch ausgebildeten Kommunikationsexperten zu verdanken. Aufgrund ihrer zunehmenden Bedeutung für die Gesellschaft, Medienpraxis und -ausbildung können Hochschulstandorte von der Kommunikationswissenschaft als Integrationsdisziplin profitieren. Hier stellen sich Fragen wie:

Welchen gesellschaftlichen Fragen geht die Kommunikationswissenschaft nach? Welchen Erkenntnisfortschritt erbringt sie für unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche? Worin besteht der Beitrag der Kommunikationswissenschaft für die Medienpraxis? Was erwartet die Kommunikations- und Medienbranche hinsichtlich der Aus- und Weiterbildung an Hochschulen? Was erwarten Organisationen in anderen Bereichen (von der Industrie bis zur Medizin) von der Kommunikationswissenschaft? Was erwartet sie hinsichtlich angewandter (Auftrags-) Forschung und möglicher Joint Ventures? Welchen Nutzen haben Hochschulen von kommunikationswissenschaftlichen Studiengängen und Instituten? Wie befruchtend wirkt diese Integrationswissenschaft für andere Disziplinen innerhalb der jeweiligen Hochschule? Wird ein geeignetes Spektrum an Studiengängen in Deutschland angeboten?

In den letzten 100 Jahren wurde die deutsche Kommunikationswissenschaft auch immer internationaler. Deutsche Kommunikationswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sind prominent auf internationalen Tagungen präsent und publizieren breit in internationalen Fachzeitschriften. Sie kooperieren zunehmend mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern und in internationalen Forschungsprojekten. Vor diesem Hintergrund sind auch besonders Einreichungen erwünscht, die aus internationaler Forschung hervorgehen. Damit zeigt sich, welchen Beitrag die deutsche Kommunikationswissenschaft international leistet. Darüber hinaus soll auf der Jubiläumstagung auch diskutiert werden, wie die Kommunikationswissenschaft ihrer eigenen Disziplin dient, etwa auf dem Gebiet der Nachwuchsförderung oder der Förderung qualitativer Standards für Studiengänge und wissenschaftlichen Arbeitens.

Einreichungsmodalitäten
Alle Beiträge in Form von ausführlichen Zusammenfassungen („Extended Abstracts“ mit bis zu 6.000 Zeichen inkl. Leerzeichen und exklusive Literaturangaben) zu den oben unter den Punkten a) und b) genannten Zielen und Aspekten des Tagungsthemas sind bis spätestens 15. September 2015 über das unter der Webseite eingerichtete Online Abstract Management System (freigeschaltet ab 1. August 2015) einzureichen. Rückfragen zum Reviewprozess können unter dgpuk2016 (at) uni-leipzig.de gestellt werden.

Hinweise:
Es wird bei der 61. Jahrestagung keinen zusätzlichen Call for Papers für „Offene Panels“ geben.

Bei der Einreichung ist anzugeben, ob es sich um a) einen Beitrag aktueller empirischer oder theoretischer Forschung oder um b) einen Beitrag zum spezifischen Tagungsthema der Fachentwicklung und -reflexion handelt.

Für die Einreichungen zum spezifischen Tagungsthema „Fachentwicklung und -reflexion“ wird ein gesondertes Ranking erstellt.

Die Einreichung der Abstracts kann für einen Vortrag (je 20 Minuten plus 10 Minuten Diskussion) und/oder für eine Posterpräsentation erfolgen.

Der Beitrag darf in dieser Form nicht bereits in einer Publikation veröffentlicht oder auf einer wissenschaftlichen Tagung präsentiert worden sein.

Für empirische Beiträge ist zu beachten, dass diese bereits eine Dokumentation der Ergebnisse im Abstract enthalten. Empirische Einreichungen, die lediglich eine Vorausschau auf erwartete, aber noch nicht vorliegende Befunde enthalten, werden nicht in den Reviewprozess einbezogen.